Mein Coming Out

Ich im Jahr 1985 mit OmaEin richtiges Mädchen war ich nie. Ich hasste es Kleider oder Röcke tragen zu müssen, meine ehemals langen blonden Haare fanden direkt nach meiner Kommunion, im Alter von 9 Jahren, den Weg zur Schere und wichen einer Kurzhaarfrisur.
Puppen waren nicht meins, stattdessen spielte ich mit Autos, war ein kleiner Raufbold, kletterte auf Bäume, keine Möglichkeit mich dreckig zu machen ließ ich aus. Ich schaffte es sogar das Tabu zu brechen, in der damaligen Big Band meiner Heimat, in der ich Schlagzeug spielte, als einziges Mädchen auch Hosen tragen zu dürfen, statt der traditionellen Röcke. Das war natürlich nur Dank unzähliger gewechselter Worte und jede Menge "bitte bitte" möglich.

Aber zum damaligen Zeitpunkt gab es noch kein Wort für das, was mich umtrieb. Wieso ich mich so unwohl fühlte. 
Meine Familie ahnte, wie ich später erfuhr, was los war, hatten aber auch keinen richtigen Namen dafür oder wollten mich mit ihren Vermutungen nicht verunsichern oder beeinflussen, denn untereinander waren ich und mein Verhalten wohl schon öfter Thema. 
Hier ist ein Teil meiner Geschichte während der Zeit meines lang dauernden Coming Outs, wobei nur die interessanteren Erlebnisse genannt seien. Das Ganze chronologisch, um es etwas einfacher zu machen.

 

Es war etwa Mitte September des Jahres 2002 als ich zusammen mit meiner Mutter eine Talk Show im Fernsehen sah. Das allererste Mal, dass ich mir überhaupt eine Talk Show bewusst komplett angesehen habe. Das Thema der Sendung: "Hilfe, meine Tochter will ein Junge sein!" Klang interessant, also ließen wir den Fernseher laufen. Der erste Talkgast war ein junger Mann, genannt M. (den vollständigen Namen lasse ich mal weg). Er erzählte einiges aus seinem Leben, wie die Eltern von ihm dachten, wie er Freundschaften verlor und von seinem Leidensdruck. Dann fiel das Wort für seine Beschreibung: Transsexuell.
Meine Mutter und ich sprachen kein Wort während der ganzen Sendung, sahen uns nur ab und an wortlos an. Es kamen mehr Personen mit dem gleichen Problem. Und in jeder der Geschichten konnte ich mein Leben erkennen. Mein Leidensdruck, meine Gefühle, meine Ich im Jahr 1985 mit OpaGedanken. Von da an war mir klar: Ich bin einer von ihnen.

Doch was mache ich mit dem Wissen? Sicherlich, wollte ich als Kind doch nie Kleider tragen, niemals mit Mädchen Puppen spielen oder heute gar mit pubertierenden Mädels über Jungs, Make-Up oder Haarstyling reden. Ich weiß nun, dass ich ein Problem habe. Wohin damit? Mein erster Gedanke, als die Laufschrift "Nach der Talk Show, Chat bei... auf der Internetseite...": Super, das musst du dir ansehen!
Gesagt, getan. Nachdem ich mir also die Sendung mit meiner Mutter angesehen habe, setzte ich mich an den PC und fand mich wenige Minuten später in dem besagten Chat wieder. Ich unterhielt mich mit einer Dame aus der Redaktion der Sendung und mit einigen anderen Nutzern. Doch lange kam ein richtiges, mir weiterhelfendes Gespräch zustande.

Bis mich jemand mit dem Nicknamen "Big_M" ansprach. Wir unterhielten uns lange und tauschten schließlich auch Mailadressen aus. "Super, endlich einer der mich versteht!" war mein Gedanke. Schließlich wusste sonst noch niemand was ich empfand und dass ich mit mir und meinem Leben absolut unzufrieden war. 
Dann kam der Hammer: Die Dame der Redaktion warf ein "Danke dass du in der Sendung warst, M.!" in den Chatroom. Ich wusste nicht was ich sagen sollte. M., das war die Person, der erste Talkgast, mit dem ich mich am besten identifizieren konnte. Also fragte ich: "M.? Wo ist M.?" Und wer meldete sich? Genau! Jener "Big_M" mit dem ich schon knapp eine Stunde gesprochen hatte. Ich war platt. Und jetzt war natürlich erst recht klar, dass wir Kontakt halten mussten.

Also entwickelte sich reger Mailkontakt. Adressenaustausch folgte ebenso und schließlich ein von mir 4-Seiten am PC geschriebener Brief an M. und ich bekam einen 8-seitigen handgeschriebenen (!) Brief zurück. M. und ich hatten wahnsinnig viel gemeinsam. Und dass es jemanden gab, dem es ganz genauso wie mir ging, auch wenn M. zwei Jahre älter war als ich, hatte mir einen Kick gegeben: Mensch, jetzt sagst du was Sache ist! Jetzt sagst du, wer und was du wirklich bist!

Nur wie fängt man das an? Ich fragte M. "War reiner Zufall, dass ich mich geoutet habe." Das war also wenig hilfreich. Wem sage ich es zuerst? Und vor allem: Wie? Wer käme da besser in Frage außer meiner damals besten Freundin? OK, die Frage "Wer erfährts zuerst" war geklärt. Nun kam das Schwere. Wie sag ich es?

 

Ich im Jahr 1987Lange grübelte ich hin und her, wie ich es ihr sagen sollte. Ich fasste allen Mut den ich hatte zusammen und fing einfach dann an darüber zu sprechen. 
Wie jeden Abend trafen J. und ich uns zum Chatten im Internet. Einen Monat nachdem ich die Talkshow sah, wollte ich das erste Mal mein Geheimnis lüften. Mir war flau im Magen, fast wie Lampenfieber. Dann fing ich an: "Ich habe was festgestellt. Aber versprich mir zuerst, dass du mich nicht sitzen lässt!" Meine Freundin war perplex, schrieb gar nichts und wartete nur ab. "Ich bin transsexuell." Lange keine Antwort. Ich dachte schon: "Oh Gott, jetzt hast du deiner einzigen Freundschaft einen Dolchstoß verpasst." Aber eigentlich wollte sie nur wissen, wie ich darauf kam. Also gab ich ihr ein paar Adressen von Internetseiten, welche ich gesammelt hatte, und wo sie sich informieren konnte. Erster Gesprächspunkt danach: Geschlechtsangleichung. Sprich, Operationen die mich von meinem Leiden in meinem weiblichen Körper zu leben, erlösen würden. Dann war der Abend eigentlich schon vorbei. 

 

Einen Tag später hatte ich, wie normalerweise jede Woche, einen Termin mit meinem Therapeuten (den ich jedoch wegen ganz anderer Dinge aufgesucht hatte). Auch hier outete ich mich. Doch statt analysierenden Worten folgte nur: "Das ändert jetzt in meiner therapeutischen Arbeit alles!" Er wirkte so verwundert, perplex, ja ratlos. Langes Schweigen. Doch dann: "Aber es erklärt mir auch, weshalb du meinen damaligen Vorschlag, einmal ein Kleid anzuziehen, vehement ablehnst und abgelehnt hast!"
Wir sprachen sogar, das Thema hatte ER angeschnitten, über die OPs, welche mein Leiden möglicherweise nehmen könnten. Doch gleich darauf sagte er mir, er hätte mit der Form von psychischem Druck keine Erfahrung. Erst einmal hatte er einem Mann dazu verholfen, eine Geschlechtsanpassung machen zu lassen. Doch wiederholte er immer wieder, er könne mir da nicht helfen. Er versuchte zu erforschen, woher denn mein "Drang kam, ein Mann werden zu wollen". Ich sagte immer wieder, nicht nur wegen der Erzählungen meiner Eltern: "Ich war noch nie ein Mädchen! Puppen, Kleider... Igitt!" Wir waren beide verunsichert, was mir wenig weiterhalf.1999 in Uniform der Big Band

Ich war so verzweifelt, dass ich jemand anderen zum Reden brauchte. Meine Freundin war noch bei der Arbeit, also nicht erreichbar, und sonst wusste ja niemand etwas. Also rief ich M. an. Er sprach mir gut zu, aber die Unsicherheit blieb. Am Abend sprach ich wieder mit J. Ich sagte ihr was passiert war. Wie unsicher ich war und was sie von den OPs halten würde. Sie sah es, zumindest was die Operationen anging, sehr objektiv. Immer nach dem Motto: Jedem das seine! Und ich war froh darüber, das war genau das was ich brauchte. Ich fragte sie, nach langem Überlegen, was sie von mir halten würde, wenn ich die OPs machen lassen würde. Sie war wie immer ehrlich: "Wenn du es willst, würde ich es akzeptieren. Es wäre gewöhnungsbedürftig." Auf meine Frage, ob sie mich denn dann allein ließe, kam ein promptes: "NIEMALS!". Das gab mir etwas Sicherheit, es stand jemand hinter mir.

 

Der nächste Tag folgte und ich konnte mit meiner Mutter sprechen, sie arbeitete viel im Schichtdienst und so hatten wir nicht immer Zeit zu reden. Wie immer fragte sie wie die Therapie am Vortag war. Ich stellte meine entscheidende Frage, wohl gemerkt ganz allgemein gestellt und keinerlei Beziehung auf mich: "Was hältst du von Geschlechtsumwandlungen... oder besser -anpassungen?" Sie sah mich geschockt an. Sie wirkte etwas überfahren, nahm sich aber ein paar Sekunden Bedenkzeit.
"Würdest du sowas machen, dann..." Es kam nichts weiter, sie schwieg. Hieß das etwa, sie würde mich verstoßen? Ich versuchte mich rauszureden, wieder war die Verunsicherung da. Soll ich den Anderen zu liebe so bleiben wie ich bin? Aus Angst und Verunsicherung tat ich es.

Eine Weile schwieg ich um das Thema, wusste nicht was ich tun soll. Dementsprechend litt meine Schulleistung, mein Sozialleben fand so gut wie nicht mehr statt. Immer mehr zog ich mich in mein Zimmer zurück, hatte keinen Appetit mehr, keine Lust etwas zu unternehmen. Ich sprach mit J. Ein Mal mehr wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Wie erklärt man denn, dass man so einfach nicht klar kommt? "Ja in dem Alter sind die Jugendlichen doch besonders schlimm. 17 Jahre und dann mit sowas kommen." Das hörte man ja immer wieder mal, wenn es um das Thema ging, so wenig es damals auch überhaupt diskutiert wurde.
Und wieder hatte mich J. auf einem schlimmen Tiefpunkt erlebt. Aber meine Freundin machte mir mit einem Satz Mut: "Lass dich nicht unterkriegen! Ich mag dich so oder so!"

Zwei Wochen später folgte dann doch noch das Coming Out bei meinen Eltern. Da ich nicht wusste was ich sagen sollte, schrieb ich meine Gedanken auf und gab ihnen den Zettel. Zuerst las meine Mutter den Brief. Als sie fertig war, sah sie mich an und wir redeten darüber. Ihren ersten Satz werde ich nie vergessen: "Endlich weiß ich was mit dir los ist. Gratuliere!" Sie wirke erleichtert, war froh endlich zu wissen, wieso ich in der vergangenen Zeit so reserviert, in mich gekehrt war. Sie drang darauf, dass ich auch meinem Vater die Wahrheit sagen soll. 
2004 bereits mitten im AlltagstestAuch hier wandte ich die „Zettel-Technik“ an. Er verlor an sich kaum Worte darüber, er nahm es hin. Es wunderte mich etwas, da ich zu der Zeit, genauer gesagt bis zu dem Zeitpunkt (!), kein sehr gutes Verhältnis mehr zu ihm hatte. Aber durch die Erleichterung mich geoutet zu haben und mich endlich wirklich so geben zu können wie ich war, wurde auch unser Verhältnis besser. Mittlerweile kommt er damit gut klar und die Zeit früher ist nur noch sehr selten Gesprächsthema.
Es folgte dann ein Outing bei der restlichen Familie. Mal mit der „Zettel-Technik“, mal mit mündlicher Aussprache. Letzteres war eher selten.

 

Etwa eine Woche später sprach ich in der Schule meine Religionslehrerin an. Wir hatten - obwohl ich nicht sehr religiös war - ein sehr gutes Verhältnis. Ich sprach schon ein paar Mal mit ihr, da sie immer merkte, wenn es mir gerade nicht gut ging. Sie verstand mich oder besser, sie versuchte es. Ich sprach sie nach der Schulstunde an und in der darauffolgenden Pause erzählte ich ihr von meinem Problem. Sie erzählte mir von ihrem Bekanntenkreis, dass es da zwei ehemalige Mädchen gab, Zwillinge, die beide kürzlich eine Geschlechtsangleichung hatten. Sie versprach mir Adressen zu besorgen, wo ich mich informieren konnte.
Drei Wochen später erhielt ich die Adressen auch. In der gleichen Woche besuchte mich M. Er bat mich um Hilfe ihm eine Homepage zu gestalten, die wir dann auch tatsächlich innerhalb des Wochenendes fertiggestellt hatten. Dieses Wochenende, die Gespräche mit M., einem Leidensgenossen, halfen mir alles aufzuschreiben, auch das was Du hier gerade liest.2005

Schließlich konnte ich mich dazu durchringen auch zwei Mitschülerinnen aus meiner Klasse, zu sagen dass ich trans* bin. Ich hatte eigentlich erwartet, da es ja eine reine Mädchenklasse war, dass sie mir Vorwürfe machen oder dumme Sprüche klopfen würden. Aber meine Befürchtungen waren unbegründet. Wir haben uns im Unterricht Briefe geschrieben, lange über das Thema gesprochen und sie waren bereit, mich ab sofort nur noch nach dem neuen Namen zu rufen. Da die beiden so gut reagiert hatten, dachte ich so bei mir "Hmm, versuchst du es doch auch noch deiner Religionslehrerin so zu verklickern." Ich ging zu ihr und sagte ihr den neuesten Stand der Dinge. Sie war allerdings nicht so begeistert. Manchmal dachte ich, dass sie mir das ausreden wollte, wieso hatte sie mir dann aber vorher geholfen? Verstanden hatte ich es nie.

 

Genauso habe ich es dann auch zuhause mit meiner Mutter und meinem Onkel besprochen. Eigentlich redeten die zwei ja zuerst über mich und darüber, dass M. mich besucht hatte. Ich war doch etwas überrascht, dass es scheinbar in der Familie mehr wussten, als mir bewusst war. Meine Mutter, mein Onkel und ich sprachen recht lange über das Thema und dass mein Onkel eben auch schon Leute kannte, die den Weg hinter sich gebracht hatten. 

Danach hatte ich mich auch bei meiner Tante geoutet. Wir waren essen (meine Eltern mein Onkel, meine Tante und ich.) Keiner war letztlich schockiert und alle meinten, sie hätten das schon lange gewusst. Mit 8 oder 9 Jahren (gleich nach der Kommunion) sagte ich, dass ich NIEMALS wieder Kleider tragen wollte, ob gezwungen oder nicht und ließ mir die Haare kurz schneiden. Das war für sie nur einer der - jetzt im Rückblick betrachtet - eindeutigen Anzeichen.

Kurz danach schrieben mir zwei Mädels aus meiner Klasse einen Brief (während dem Unterricht) und fragten, wieso nun ein anderer Name auf dem Klassensitzplan steht statt der unter dem sie mich kannten. Ich erklärte es so gut ich konnte und sie nannten mich danach auch beim neuen Namen. Sie quetschten mich dann über die Behandlung aus, besonders die Veränderungen durch die Hormongabe interessierten sie. Aber damit war das Thema dann durch.
Schließlich folgte am gleichen Tag noch mein Bruder. Er studierte zu dieser Zeit etwa 200 km von meiner Heimat entfernt und ich sah ihn eigentlich nur alle zwei Wochen. Nach dem Coming Out auch hier der gleiche Effekt: "Irgendwie war es doch klar. Ich habs nicht gewusst, aber es war sehr naheliegend." Er sicherte mir seine Unterstützung zu. Danke Bruderherz, das hat mir sehr viel bedeutet!

 

2006, nach den OPsSchließlich habe ich es am 25.12.2002 (toller Zeitpunkt, ja, aber wann kommt die Familie sonst schon mal komplett zusammen?) auch geschafft, mich bei meiner Großmutter zu outen. Wir saßen beim Kaffee und ich hatte den Arm um meine Freundin gelegt, die damals zu Besuch war. Während wir alle ferngesehen haben, meinte meine Mutter zu der ihren: "Ach ja, wir müssen dir noch was sagen." Oma war recht überrascht. Ich gab ihr einfach meinen obligatorischen Zettel und sie las relativ schnell. Sie faltete den Zettel wieder zusammen und gab es mir fast wortlos zurück. Die einzigen Worte, nachdem meine Mutter fragte was sie davon hält: "Naja, was soll ich da sagen?"
Ich hatte Angst was sie sagen würde. Sie wirkte einfach perplex (verständlich) andererseits aber auch sehr verständnislos. Als ob sie es nicht glauben konnte oder wollte. Meine Mutter bohrte wieder nach: "Irgendwie wussten wir es doch oder?" Erneut eine Pause bis meine Oma zögerlich zustimmte. Damit war das Thema vom Tisch.

Am 28.12.2002 fuhr ich mit meiner Freundin zu ihr nach Hause, da sie gut 500 km von mir entfernt wohnte. Und dort, am 30.12.2002, schaffte ich es auch, auf die gleiche Weise wie bei meiner Oma mit mindestens genauso viel Angst, mich bei J.s Eltern zu outen. Ihre Mutter jedoch lächelte etwas. "Was soll ich dazu sagen? Wir nehmen es wie es ist. Wir sind in der Beziehung schon tolerant." Die Nacht davor habe ich mir solche Gedanken gemacht, dass ich nicht schlafen konnte. Ich hatte es dann aber hinter mir und war sehr erleichtert.

In der Folgezeit folgten immer weitere Coming Outs im Freundes- und Bekanntenkreis. Meine Eltern  versuchten sich schon daran mich nicht mehr beim "früheren" Namen zu rufen. Das war teils sehr amüsant, wenn sie sich beim Ansprechen meiner Person mitten im Wort bremsten. Da werden ganz plötzlich oder im Nachhinein aus "Sie" ein "Er" und ähnliches. Mein Onkel war von Anfang an der Einzige, der mich ohne Zögern und Fehler direkt beim richtigen Namen rief. Respekt!

 

Am Aschermittwoch 2003 hatte meine Mutter ein Outing - ohne mein Wissen - für mich durchgeführt. Am sogenannten "politischen 2007, kurz vor dem Umzug nach KölnAschermittwoch" waren meine Eltern auf einer politischen Veranstaltung, auf der auch der Co-Direktor meiner Schule war. Da das Fernsehteam vom ZDF/WDR (mehr dazu an anderer Stelle) auch mal an meine Schule kommen wollte, musste das natürlich auch abgeklärt werden. Also ging meine Mutter auch einfach zum Co-Direkter und fragte direkt ob es in Ordnung wäre, würde ein TV-Team an der Schule drehen. Er hätte generell nichts dagegen und unterstütze so etwas, nur wollte er natürlich wissen worum es ging. So wurde ich im folgenden Gespräch ohne mein Wissen geoutet, auch wenn die Reaktion des Anderen durchaus positiv war.
Ein Outing, welches ohne das Wissen des Betreffenden oder ohne dessen Einverständnis getätigt wird, ist niemals gut!
Als ich tags darauf in der Schule war, sprach ich den Co-Direktor darauf an. Er meinte ich sollte ihm meinen Namen (den neuen wie den "normalen") und meine Klasse auf einen Zettel schreiben, damit er auch dem Direktor Bescheid geben konnte. Er fragte mich wie es nun weiterginge und sagte, dass er voll hinter mir stehe und das sehr mutig fand, dass ich offen damit umging. Am Ende meinte er dann, in mein Ohr flüsternd: "Das war jetzt aber ein Gespräch unter Männern...also pst."
Einer der ganz wenigen in meiner Schulzeit, die es so mit Humor und dennoch ernst nahmen. In all den Jahren an der Schule konnte ich aber auch ohne diese Umstände nie etwas Negatives über ihn sagen. Einer der wenigen Lehrer, die den Begriff Pädagoge mit allem was damit zusammenhängt wirklich verdient haben.

 

Als ich bei meiner damaligen Freundin für 15 Tage in Urlaub war, hab ich mich endlich dazu durchgerungen noch anderen ihrer Familie Bescheid zu sagen. Zuerst war ihr Bruder an der Reihe, wieder die altbekannte Zettel-Technik. Er las und hatte eine akzeptable Haltung mir gegenüber, sprich er nahm es hin. Danach kam gleich der Vater dran, da hatte ich deutlich mehr Bammel. Die Nacht davor konnte ich nicht schlafen, war wahnsinnig nervös. Während er las, saßen J.s Mutter, ihr Bruder und ich im Nebenzimmer und spielten PlayStation 2. Der Vater kam rein und gab mir den Zettel, hob den Daumen an und meinte beim Gehen "Cool Lyle, cool!" Wir haben uns nur alle perplex angesehen. Und als dann 2 Tage später J.s Oma noch kam und wir schon dabei waren, ging es da eben munter weiter. Sie hat lange gelesen und wieder die Reaktion: "Find ich cool!..." Irgendwie dachte ich, ich bin im falschen Film, auf Seiten meiner Ex gab es keinerlei Probleme. 

2013Bei weitem nicht alle haben so positiv reagiert, wie es größtenteils bisher war. Neben einigen Kontaktabbrüchen, musste ich vor allem Beschimpfungen auf der Straße, in der Schule oder eben auch in der Nachbarschaft über mich ergehen lassen. Auch körperliche Übergriffe haben stattgefunden. Darauf gehe ich hier aber nicht näher ein, Zeiten, die ich selbst lieber vergessen möchte.

 

In der ganzen Zeit war ich bereits in meinem sogenannten Alltagstest, für den ich "die gewünschte Rolle im kompletten Alltag leben musste", ergo damit verbunden waren eben auch die Coming Outs, damit jeder in meinem direkten und indirekten Umfeld Bescheid wusste. Der Test ist nötig, um die zwei voneinander unabhängig erstellten Gutachten zu erhalten, die mich wiederum dazu befähigen würden, die Angleichung vollständig gehen zu können. Und diese Zeit - immerhin fast 2 Jahre - war dann um.
Am 04. Juni 2004 bekam ich dann endlich, nach vielen Terminen bei Ärzten, Gutachtern, etc pp. meine erste Testosteronspritze. Die folgenden Veränderungen, die Du ja an anderer Stelle hier an anderer Stelle sehen kannst, sorgten dann doch bald dafür, dass zumindest die Sprüche, dass es ja nur eine pubertäre Spinnerei sei, aufhörten. Dumme Blicke kassierte ich nach wie vor, aber das war egal. Ich war es gewohnt und von daher tangierte es mich kaum mehr.
Auch die Akzeptanz in der Familie und im Bekanntenkreis stieg weiter an, besonders als ich dann auch meinen richtigen Personalausweis in Händen hielt.
Und als 2005 dann die OPs folgten und ich buchstäblich "platt" war, waren es wirklich nur noch Blicke der Verwunderung. So auch bei meinem ersten Freibadbesuch nach meiner "Obenrum-OP". Viele der - vor allem älteren Dummschwätzer - verstummten dann sehr sehr schnell.

 

Im August 2007 - sehr kurz nach dem Tod meiner Mutter - zog ich dann endlich weg aus Füssen in das wundervolle 2017 an der NordseeKöln.
Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Denn solche Sprüche wie "Sowas wie dich hat man früher vergast", die ich in meinem Geburtsort zu hören bekam, blieben mir hier in Köln gänzlich erspart!

Jetzt lebe ich vollkommen etabliert als Mann. Niemand sieht mir meine Vergangenheit an - außer ich muss mich mal komplett ausziehen, was ja eher selten ist.
In meiner Ausbildung als auch an den danach folgenden Arbeitsplätzen wussten bzw. wissen ein paar Leute Bescheid und es gab niemals Probleme.
Insgesamt wissen alle, mit denen ich mich so umgebe, um meine Vorgeschichte und nicht einer - nicht einer! - hatte da Probleme oder hat es zumindest für sich behalten. ;-)
 

Also Leute, ich rate euch an dieser Stelle:
Haltet durch und geht den Weg so weit ihr wollt zu Ende! Es lohnt sich!